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Das Jüngste Gericht, 2014
Öl auf Leinwand
96 Einzelbilder
985cm x 930cm

The Last Judgement, 2014
oil on canvas
96 single pictures
388 x 366 inches





„DAS JÜNGSTE GERICHT“ / setzt sich aus 96 Einzelbildern zusammen und bildet ein in sich veränderbares Mosaik aus Gemälden im Gesamtformat von 985 cm x 930 cm.

Gegliedert in acht verschiedene Farbgruppen von jeweils zwölf Bildern mit gleichen Hintergrundfarben und in acht unterschiedliche Bildformate (mit drei verschiedenen Seitenlängen), lässt sich „Das Jüngste Gericht“ in Anlehnung an Michelangelo Buonarrotis Jüngstes Gericht in der Sixtinischen Kapelle in zwölf Themenbereiche gruppieren. Darunter die aufsteigenden Auserwählten, die verkündenden Posaunenengel oder die abstürzenden Verdammten. Im Gegensatz zum Vorbild aus der Renaissance ist die „jüngste“ Version als dynamisches Geflecht austauschbarer Einzelbilder und Szenen konzipiert. Verdammte können erlöst, Posaunenbläser zu Märtyrern und Heilige in die Hölle gestoßen werden.

Die Modelle sind dem Bilderfundus des World Wide Web entnommen und lassen, dem Jüngsten Tag von Michelangelo folgend, klare ikonografische Bezüge, wie auch freiere Interpretationen erkennen. Weder sind sich die Porträtierten ihres Gemäldes, noch ihrer Position im Jüngsten Gericht bewusst.




‘THE LAST JUDGEMENT’ / consisting of 96 single pictures, is a variable cluster of paintings in the overall size of 388 x 366 inches.

It is divided into eight different colour groups of twelve images with the same background colours and in eight different image formats (with three different side lengths). In reference to Michelangelo Buonarroti‘ s Last Judgement in the Sistine Chapel, ‘The Last Judgement’ (2014), too, can be grouped into twelve subject areas. Including the chosen ones, the proclaiming angels with trumpets or the falling damned. In contrast to the paradigm of the Renaissance, the ‘last’ version is designed as a dynamic mosaic of interchangeable single images and scenes. Damned ones can be redeemed, trombonists turn to martyrs. and saints can be pushed into hell.

The models are all taken from the pool of images of the World Wide Web. Following the Day of Judgement by Michelangelo, you can find evident iconographic references as well as interpretations that are more open. The portrayed people are not aware of their paintings and their position in this Day of Doom.




You show me yours – I’ll show you mine

»was ist das jüngste gericht??« fragt sich Himbeermaus94 in einem Chatportal, das vermeintlich die Klärung aller Probleme verspricht./1/ Jotewe antwortet ihr substanzlos und vermerkt, dass es sich endscheidet, »ob es aufwärts oder abwärts geht«, JensPeter hingegen versucht Himbeermaus94 als Zeuge Jehovas klare Argumente darzulegen und fügt eine Reihe Bibelzitate an, die jedoch allesamt eindeutig gerichtet sind. Ihn beschäftigt hauptsächlich, wo und durch wen entschieden wird am jüngsten Tag. ZwiebelimKarton mischt sich daraufhin in den Austausch ein und wettert dagegen. Er oder sie meint generell eine »Fehlinterpretation« des Wortes Apokalypse zu beobachten, wohingegen Raubkatze45 noch einmal den Unterschied zwischen jüngstem und persönlichem Gericht als nennenswert erachtet. Auch wenn die Diskutierenden bereits durch übermotivierte Usernames – zudem auf einem fragwürdigen Portal - an Glaubwürdigkeit verlieren, zeigt sich dennoch lebhaft, dass die Vorstellung eines jüngsten Gerichtes die Gemüter nach wie vor bewegt. Dass hier offensichtlich zunächst das Internet als Informationsquelle verwendet wird und nicht Bücher – wie etwa die Theologische Realenzyklopädie/2/, die einen profunden Überblick über Quellen zum Gericht Gottes geben würde – verwundert nicht weiter. Erschreckenderweise. Wie gedankenlos und fahrlässig Bild und Text Einzug in das Internet erhalten, zeigt sich alltäglich. Bitter und ärgerlich ist hierbei nur, dass man sich diesem medialen Müll, dieser inflationären Bilderflut oftmals kaum mehr entziehen kann. Verkehrsunfall. Man schaut eben doch hin.
Tom Schulhauser nutzt gerade dieses Phänomen und macht das gedankenlose und kurzlebige Material aus dem Internet zur Substanz seiner Kunst »You show me yours – I’ll show you mine«. Er extrahiert beliebig Personen aus hochgeladenen Abbildungen und Fotos, vergrößert sie mit seiner Malerei vor monochromen Hintergründen. Sie werden zur Schau gestellt.
In seiner Arbeit »Das Jüngste Gericht«, das unmissverständlich und frei Michelangelos virtuoses Fresko in der Sixtinischen Kapelle zitiert, erhalten die isolierten Personen neue Aufgaben. Eingebettet in die komplexe Ikonographie wird bei Schulhauser ein Gangnamstyle- Tanzender zum Christus, werden Hobbymusiker zu Trompete spielenden Engeln oder avancieren freizügig Sonnenbadende, Jubelnde und Feiernde zu Erlösten. Neben diesen inhaltlichen Transfer tritt augenscheinlich ein formaler. So bedient sich der Künstler einer Form- und Farbsprache, die aus medialen Kontexten – wie etwa der Anordnung von Abbildungen bei der Bildersuche über gängige Suchmaschinen im Netz oder der Farbkombination CMYK (Cyan/Magenta/Yellow/Key) des Vierfarbdrucks bekannt sind.
Auch wenn sich die Arbeit signifikant vom Ursprungswerk unterscheidet, weist sie dennoch in der Drastik und dem innovativen Potential der Motivauswahl Parallelen auf. So wurde schon im 16. Jahrhundert von Zeitgenossen bemängelt, Michelangelos Figuren und Konfigurationen würden nicht genügend Übereinstimmungen mit dem bekannten Personal des Jüngsten Gerichts aufweisen./3/ Der Verdacht der Häresie begleitete sein Fresko daher von Beginn an. Ein Kritikpunkt, der in Anbetracht der Neuinterpretation Schulhausers ebenso aufgerufen werden kann, jedoch zugleich unmissverständlich humoristisch entkräftet wird. Es gelingt ihm, dass etwa die ältere Dame auf dem roten Sonnenstuhl, die ihren blauen Badeanzug wohl ausfüllt durch den Kontext des Bildgefüges als Darstellung Mariens funktioniert und gerade nicht zur einfachen Persiflage verkommt.
Das von den unfreiwilligen Darstellern bespielte Gericht offenbart sich als farbenfrohe Apokalypse, die hier zur Abrechnung mit den Schaulustigen und Extrovertierten des Internets wird. Die Vorboten sind wohl bekannt: Als die vier apokalyptischen Reiter funktionieren in diesem Falle Amazon, Apple, Google und Facebook./4/

/1/ http://www.gutefrage.net/frage/was-ist-das-juengste-gericht (Stand: 14.01.2015).
/2/ Klaus Seybold, Roger David Aus, Egon Brandenburger, Helmut Merkel und Eberhard Amelung: Gericht Gottes I. Altes Testament II. Judentum III. Neues Testament IV. Alte Kirche bis Reformationszeit V. Neuzeit und ethisch. In: Theologische Realenzyklopädie 12 (1984), S. 460–497.
/3/ Vgl. Stoichita, Victor Ieronim: Michelangelos Haut. In: Arburg, Hans-Georg von (Hg.) u.a.: Mehr als Schein. Ästhetik der Oberfläche in Film, Kunst und Theater, Berlin 2008, S: 34-51.
/4/ Auf seinem 2014 entworfenen Plakat betitelt Klaus Staeck Albrecht Dürers apokalyptische Reiter als Amazon, Apple, Google und Facebook. Vgl. Zuschlag, Christoph: Die Apokalypse in der Kunst seit Albrecht Dürer. In: Ders. (Hg.) u.a., Apocalypse now! Visionen von Schrecken und Hoffnung in der Kunst vom Mittelalter bis heute, Berlin 2014, S.85. // Jutta Radomski


Das Jüngste Gericht

Tom Schulhauser überführt das Motiv der Weltgerichtsdarstellung in die Form eines Clusters bestehend aus 96 Einzelbildern. Entsprechend seinem zeitgenössischen Ansatz zum Thema Figur in der Malerei entnimmt er die Protagonisten des das Weltgeschehen abschließenden Gerichts dem unerschöpflichen Fundus an Bildern, die Menschen über sich und andere ins Internet stellen. Der Betrachter erkennt sitzende und springende, alte und junge Personen und verschiedenste Figurengruppen, die innerhalb der Einbettung des Einzelwerkes in das die Wand füllende Cluster miteinander in den Dialog treten. Im Aufbau und der Dimensionierung wird es als Adaption des berühmtesten »Jüngsten Gerichts« von Michelangelo Buonarroti auf der Altarwand in der Sixtinischen Kapelle in Rom verstanden. 
In Anlehung an das klassische Bildprogramm des »Jüngsten Gerichts« erkennen wir im oberen Teil mittig vor gelbem Hintergrund eine männliche Figur. Tanzt dieser Mann oder lässt sich seine erhobene linke Hand als Geste der Zurückweisung der Verdammten interpretieren sowie seine Rechte als segnende Handbewegung? Die zu seiner Linken kniende Gottesmutter Maria suchen wir vergeblich, sie scheint es sich vielmehr in ihrem Sonnenstuhl bequem gemacht zu haben. Folgen wir dem klassischen Aufbau, so sehen wir rechter Hand in abwärts gerichteten Bewegungen der dargestellten Figuren den Verweis auf die Verdammten, die hinab in die Hölle stürzen, und linker Hand in aufstrebenden Gerichtetheiten der Körper den Verweis auf die Auserwählten, die in den Himmel auffahren werden. Im unteren Teil des Clusters erscheinen Gruppen von Musikern aus verschiedensten Vereinskontexten als Engel mit Blasinstrumenten zur Erweckung der Toten. Auf weiteren Bildern in der rechten Hälfte des Clusters ringen Engel und Dämonen um die Aufgabe, die Verdammten in die Hölle zu schicken. Darunter finden wir auch einen Verweis auf den Fährmann Charon. Im »Jüngsten Gerichts« von Tom Schulhauser in weiblicher Begleitung vertreibt er im Werk Michelangelos mit erhobenem Ruder die Verdammten aus seinem Boot. Als weiterer eindeutiger ikonografischer Bezug sei auf die Darstellung des Heiligen Bartholomäus verwiesen. Der Märtyrer hält allerdings nicht länger seine eigene Haut, sondern lediglich ein Handtuch in der Hand.
Die Figuren, für die Tom Schulhauser Bilder aus dem Internet als Vorlage dienen, werden in seinen Werken freigestellt. Hintergrund, Raum, Zeit und Kontext weichen einer farbig monochromen Fläche. Diese bietet seinen Protagonisten einen vielfältigen Assoziationsraum, der sie aus dem Kreislauf der zirkulierenden digitalen Bilder enthebt und ihnen in ihrer Alltäglichkeit durch die Überführung in das vom abstrahierenden Pinselstrich des Künstlers mit Ölfarbe geformte Motiv eine physische Präsenz und Überhöhung verleiht. Die von ihm gewählte Form des Clusters verweist auf den Ursprung seiner Motive – die digitale Bildersuchmaschine im Internet – und verleiht dem Gesehenen einen archivarischen sowie auch dynamischen Charakter. Das Cluster ist frei als Ganzes sowie nach Farben oder Themenbereichen zusammensetzbar. Das Prinzip der assoziativen Bildersuche im Internet wird gegenwärtig, indem immer wieder neue Bildkonstellationen möglich sind, die vielschichtige und mitunter auch humorvolle Kommunikationssituationen schaffen. Tom Schulhauser gewährt uns in seinem Werk einen durch den Pinselstrich des Künstlers angeeigneten und gefilterten Blick in das digitale Bildarchiv einer mehrdeutigen Alltagswelt. Der dargestellte Augenblick kurz vor dem Urteilsspruch des „Jüngsten Gerichts“ lässt in diesem Verständnis die Positionen der Einzelpersonen und Figurengruppen im Gefüge der Gesamtstruktur noch offen. Die Karten scheinen noch einmal neu gemischt zu werden: Verdammte können erlöst und Heilige in die Hölle gestürzt werden. // Anna-Cathérine Koch


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„Konferenz“ // Modulares System // Clustering

Die „Konferenz“ nimmt den Leitgedanken des Internets auf, Menschen zu verbinden. Basis hierbei sind Porträts von Personen, deren Abbildungen auf frei zugänglichen Fotos im WWW gefunden werden können. Angelehnt an die bunten App-Raster von Touchscreens und anderen grafischen Benutzeroberflächen sind die gemalten Bausteine durch festgelegte Formate im Abstand von 5cm sehr flexibel kombinierbar. Als sich stetig verändernde Serie definiert, lassen sich der „Konferenz“ unbestimmt viele Teilnehmer hinzufügen oder wieder entfernen. Je nach Raum bilden sich in Größe, Form und Farbe unterschiedliche Zusammenkünfte.